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20. - 22. April 2021 // Nürnberg, Germany

MedtecLIVE und MedTech Summit Newsroom

Medizintechnik: Schon heute digitaler als gedacht!

Portraitfoto Hans-Peter Bursig
Hans-Peter Bursig, ZVEI-Fachverbandsgeschäftsführer Elektromedizinische Technik // © ZVEI/Frederik Boettcher

Weil innovative Medizintechnik immer komplexer wird, müssen die Hersteller und ihre Zulieferer noch enger in Dialog treten, betont Hans-Peter Bursig, ZVEI-Fachverbandsgeschäftsführer Elektromedizinische Technik, im MedtecLIVE-Interview. Der Branchenkenner plädiert auch für mehr interdisziplinären Austausch – und nennt ein ungewöhnliches Beispiel…

Herr Bursig, Sie sind schon lange in der Medizintechnik zuhause. Leben wir angesichts von MDR, Digitale Versorgung Gesetz 1 und 2 sowie immer neuen Playern wie Microsoft oder Google, die mit Gesundheitsdaten arbeiten, in besonders stürmischen Zeiten?

Wir leben auf alle Fälle in besonders dynamischen Zeiten. Medizin und Medizintechnik waren schon immer in ständiger Veränderung. Technische Innovationen verändern die medizinische Versorgung, zum Beispiel werden immer häufiger minimal-invasive Eingriffe als Alternative zur klassischen Chirurgie durchgeführt. Umgekehrt hat auch die medizinische Forschung Einfluss auf Medizintechnik, wenn Medizingeräte immer stärker in leitlinienbasierte Versorgungsprozesse integriert werden. Dem zugrunde liegt die ständig fortschreitende Vernetzung und Digitalisierung – auch die Medizintechnik kann sich dem nicht entziehen.

Wo steht denn die deutsche, meist mittelständisch geprägte Medizintechnik bei der Digitalisierung?

Medizintechnik aus Deutschland ist schon heute digitaler als es die Öffentlichkeit vermutet. Nicht so schlagzeilenträchtig wie große IT-Unternehmen, die aktuell mit Ergebnissen von Big Data-Analysen und KI-Anwendungen große mediale Beachtung finden. Aber die deutsche Medizintechnik setzt Digitalisierung und auch KI auf ihre Weise zur Verbesserung der eigenen Produkte ein und ist dabei viel näher am medizinischen Anwender und dessen Bedürfnissen. Das ist nicht immer das, was man unter dem Schlagwort „digitale Lösungen“ erwartet. Aber es lohnt sich genau hinzusehen.

Haben deutsche oder europäische Mittelständler denn überhaupt eine Chance, wenn die Tech-Riesen mit Datenanalysen und Künstlicher Intelligenz auf den Markt drängen? Und wenn ja, wie sieht der deutsche Weg aus?

Beim ZVEI sind wir uns sehr sicher, dass es diese Chancen gibt. Medizintechnik-Hersteller können auf ihre Branchenerfahrung bauen und den engen Kontakt zu den Anwendern. Big Data und KI sind ja keine eigenständigen Lösungen. Es sind Instrumente, die man mit Branchenwissen einsetzen muss. Jede KI ist nur so gut, wie die Daten, mit denen sie trainiert wurde. Die Antwort 42 hilft nicht, wenn man die Frage nicht kennt. Der Weg, den Deutschland und Europa gehen müssen, heißt deshalb: KI und Datenanalyse auf praxisrelevante Fragen anwenden, um den Anwendern in der Gesundheitsversorgung konkrete Vorteile anzubieten.

Welche digitalen Gesundheitsanwendungen sind besonders erfolgsversprechend?

Besonders erfolgversprechend sind Anwendungen, die den Nutzer von Routineaufgaben entlasten, die heute von Menschen erledigt werden. Daten sortieren und dabei nach auffälligen Werten suchen, zum Beispiel. Aber auch das aktuelle medizinische Wissen bereithalten und für den auffälligen Wert eine Interpretation vorschlagen oder auf eine mögliche Therapie hinweisen. Der medizinische Anwender entscheidet natürlich letztlich, wie er mit diesen Vorschlägen umgeht. Aber er kann sich auf die Entscheidung konzentrieren und muss nicht selbst recherchieren. Viele Experten weisen immer wieder darauf hin, dass sich das medizinische Wissen so schnell vermehrt, dass Ärzte gar nicht genügend Zeit haben sich dieses neue Wissen anzueignen.

Würden Sie diese auch selbst nutzen?

Wahrscheinlich nutzen wir alle solche Anwendungen schon, wenn auch indirekt. Die meisten dieser Anwendungen richten sich im Moment noch an medizinisches Personal. Das ist im Bereich Medizintechnik auch nicht überraschend. Aber es gibt immer mehr diagnostische Medizinprodukte, die vom Patienten zuhause benutzt werden können – denken Sie an Blutdruckmesser und Blutzuckermessgeräte. Diese Medizinprodukte werden immer öfter mit Apps kombiniert, die vom Arzt oder dem Patienten oder beiden im Rahmen eines Gesundheitsmonitoring eingesetzt werden können. Wäre ich in einer entsprechenden Lage, würde ich solche Systeme nutzen. Denn im Alltag über den eigenen Gesundheitszustand informiert zu sein, gibt Sicherheit und vor allem Lebensqualität.

Digitale Gesundheitsanwendungen setzen auf Vernetzung und Datenaustausch, auf Rechenleistung aus der Cloud. Die eigentlich simple elektronische Patientenakte ist ja ein Punkt, bei dem es schon beim DVG1 zu Unklarheiten bezüglich des Datenschutzes kam. Wie kann die Industrie das Vertrauen von Ärzten und Patienten gewinnen und behalten, dass sensible Gesundheitsdaten wirklich sicher sind?

Die Industrie muss natürlich vermitteln, dass sie mit Gesundheitsdaten verantwortungsvoll umgeht. Dazu zählt vor allem Transparenz und Nachvollziehbarkeit. Wir brauchen aber auch eine öffentliche Diskussion darüber, wie wir mit Gesundheitsdaten umgehen und wer welche Nutzungsrechte an diesen Daten erhält. Forschung und Entwicklung in der Industrie findet zum Beispiel mit anonymisierten Daten statt, die keinen Personenbezug haben. Auf die elektronische Gesundheitsakte, wie sie jetzt in Deutschland diskutiert wird, hat die Industrie gar keinen Zugriff. Medizintechnikhersteller sind also nicht die vorrangigen Ansprechpartner, wenn es um persönliche, personenbezogene Gesundheitsdaten geht.

Noch ein Wort zur MDR: Ihr Verband vertritt ja nicht nur große Teile der Medizintechnik-Hersteller, sondern auch viele Zulieferer. Ist die Nervosität hier genauso groß wie bei den Herstellern?

Es ist weniger Nervosität als Anspannung. Die Hersteller und die Zulieferer wissen, was sie tun müssen, um die Anforderungen der MDR zu erfüllen. Das Problem ist, dass die Benannten Stellen nicht in ausreichender Zahl vorhanden sind. Die Hersteller und Zulieferer treten sozusagen an der Startlinie auf der Stelle.

Der ZVEI unterstützt die MedtecLIVE von Beginn an. Wie wichtig ist eine solche übergreifende Plattform für das gemeinsame Innovieren von Zulieferern, Herstellern und Anwendern in Deutschland?

Die Entwicklung von innovativer Medizintechnik wird immer komplexer. So wie Mediziner heute nicht mehr in der Lage sind, alle neuen medizinischen Erkenntnisse jederzeit verfügbar zu haben, kann auch ein Hersteller nicht alle technischen Möglichkeiten vollständig überblicken. Der Austausch zwischen Anwendern, Herstellern und Zulieferern wird deshalb immer wichtiger. Viele Unternehmen arbeiten intern ja schon mit interdisziplinären Teams. Einen ähnlichen Ansatz müssen Hersteller und Zulieferer in Zukunft wohl auch unternehmensübergreifend verfolgen, wenn sie innovativ und erfolgreich sein wollen.


Eine persönliche Frage: Ist Ihre Beziehung zur Medizintechnik rein professionell oder gibt es das eine medizintechnisches Produkt, das Sie wirklich beeindruckt oder im innersten berührt?

Natürlich ist es spannend zu sehen, wie durch Digitalisierung in der Medizin immer maßgeschneiderter auf die Patienten eingegangen werden kann – die individualisierte Gesundheitsversorgung ist nicht mehr weit entfernt. Aber wirklich beeindruckend ist für mich die Entdeckung der Röntgenstrahlen, übrigens in diesem Jahr vor 125 Jahren. Die Röntgenstrahlen haben damals die Medizin nachhaltig verändert. Und bis heute bringt diese Entdeckung immer wieder neue Innovationen hervor, auch außerhalb der Medizin. Röntgen steht für mich deshalb für die Interdisziplinarität, die die Medizintechnik bis heute auszeichnet. Er war Physiker, aber seine Entdeckung hat die Medizin revolutioniert, weil Ingenieure daraus Medizingeräte entwickelt haben.

Der ZVEI veranstaltet auf der MedtecLIVE unter anderem eine Vortragssession zum Thema MDR und Lieferanten-Management bei Herstellern von Medizinprodukten. Die MedtecLIVE ist eine führende Netzwerkplattform für die internationale Medizintechnik-Szene. Das Angebotsspektrum der Fachmesse umfasst die gesamte Prozesskette in der Herstellung von Medizintechnik, vom Prototypen bis zur Marktreife. Auf dem renommierten MedTech Summit Congress & Partnering diskutieren Hersteller, Anwender und Forscher interdisziplinär zukünftige Entwicklungen der Branche. Die nächste MedtecLIVE mit MedTech Summit findet vom 31. März bis 2. April 2020 im Messezentrum Nürnberg statt.

Weitere Informationen für Besucher zur MedtecLIVE und Tickets finden Sie hier.

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