Bildergalerie zur MedtecLIVE 2026: Embedded Medical & Cyberregulatorik
Von nicht-invasiver Herzfrequenzmessung im Mutterleib bis zu Edge-AI im OP: Die MedtecLIVE 2026 machte deutlich, wie Embedded-Systeme, KI und Cybersecurity moderne Medizinprodukte formen. Unsere Bildergalerie zeigt ausgesuchte Embedded- und Software-Aussteller der Medizintechnik-Messe in Stuttgart.
Embedded-Systeme, KI-gestützte Signalverarbeitung, Regulatorik-Plattformen und Cybersecurity – die MedtecLIVE 2026 in Stuttgart zeigte eindrücklich, wie tief die Elektronik- und Softwaresysteme in die Medizintechnik vorgedrungen sind. Die »Elektronik Medical« war vor Ort und hat sich an den Ständen der Aussteller angeschaut, welche Hardware und Software-Tools den Entwicklungsalltag von Medizingeräteherstellern grundlegend verändern.
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Solectrix: Kleinstes OSM-Modul für Medical Embedded-Systeme
Auf der MedtecLIVE 2026 zeigte der Fürther Embedded-Designspezialist Solectrix – der rund die Hälfte seines Geschäfts in der Medizintechnik macht – ein Highlight, das auf der Embedded World sein Debüt hatte: ein Open Standard Module (OSM) im Size-M-Format auf Basis des NXP i.MX 95 – nach eigenen Angaben das weltweit kleinste einsatzbereite OSM-Modul dieser Prozessorenklasse. Auf gerade einmal 30 × 45 mm vereint es bis zu sechs Prozessorkerne (Cortex-A55, M7, M33), eine NPU mit 8 eTOPS für KI-Inferenz am Edge sowie Schnittstellen wie PCIe Gen3, USB 3.0 und Dual-GbE – lötbar per BGA direkt aufs Carrier Board.
Plattformstrategie für Medizingeräte
Das Modul ist Baustein einer übergeordneten Entwicklungsstrategie: »Medizingerätehersteller haben oft eine Handvoll verschiedene Geräte auf dem Markt, die eine Schnittmenge gleicher Funktionen haben – User Management, Konnektivität, Patientendatenbankanbindung. Die fasst man in eine zentrale Elektronik zusammen, die man für verschiedene Produkte einsetzen kann«, erläutert Benedikt Appold, Leiter des Medical-Bereichs bei Solectrix. Rund die Hälfte der aktuellen Projekte entfalle auf tragbare Point-of-Care-Geräte: optische Teststreifenauswerter mit Kamera, Beleuchtungseinheit und bildauswertender KI, deren Ergebnis per WLAN in die Klinik-IT übertragen wird. Daneben entwickelt Solectrix zunehmend Steuer- und Sicherheitselektronik für chirurgische Robotiksysteme – mit präziser Motoransteuerung, funktionaler Sicherheit nach IEC 62304 und integrierter 2D/3D-Bildgebung zur intraoperativen Positionierung. Vollständige Board Support Packages für Linux und Android liefert das nach ISO 13485 zertifizierte Unternehmen dabei stets regulatorisch zugeschnitten mit.

Syss: Embedded-Security-Analysen für vernetzte Medizinprodukte
Smarte Prothesen mit Bluetooth-Anbindung, Beatmungsgeräte oder vernetzte OP-Installationen – wer Medizingeräte heute mit Konnektivität ausstattet, öffnet zwangsläufig auch Angriffsflächen. Genau dort setzt der Tübinger IT-Sicherheitsspezialist Syss an, der auf der MedtecLIVE 2026 erstmals gezielt die Medizintechnikbranche adressierte.
Syss gliedert seine Arbeit in hochspezialisierte Teams – für Webapplikationen, Cloud-Infrastrukturen, mobile Apps, Büro- und Produktionsnetzwerke sowie dediziert für Embedded Systems. Letzteres ist die Schnittstelle zur Medizintechnik: Die Embedded-Security-Analysen umfassen externe Schnittstellen per Kabel und Funk, intern verbaute Komponenten wie SoCs, Mikrocontroller und Speicherbausteine sowie zugehörige Backend-Systeme. Dabei kommen sowohl klassische Penetrationstests als auch Code-Reviews und begleitende Beratung ab der Produktplanungsphase zum Einsatz.
Schwachstellen-Report für Audits und Zertifizierung
Das Ergebnis ist ein detaillierter Schwachstellen-Report, der als dokumentiertes Prüfergebnis sowohl Auditoren wie auch Zertifizierungsstellen als Nachweis dient und konkrete Verbesserungsmaßnahmen aufzeigt. Dabei hält Syss bewusst Distanz zur Lösungsentwicklung: Um Interessenskonflikte zu vermeiden, prüft das Unternehmen ausschließlich – entwickelt aber nicht.
Für IT-Security Consultant Gerhard Klostermeier, der als ethischer Hacker auch einen Vortrag auf dem Exhibitor-Forum hielt, zeigte sich in den zahlreichen Gesprächen auf der MedtecLIVE ein deutliches Bild: Insbesondere mittelständische Gerätehersteller mit jahrzehntelanger Erfahrung stehen heute vor der Herausforderung, erstmals Konnektivität in ihre Produkte zu integrieren – und suchen Orientierung, wie das regulatorisch und sicherheitstechnisch korrekt gelingt. Große Hersteller hingegen kamen routiniert mit dem nächsten Projekt in der Tasche: Für sie ist der Pentest vor einem neuen Produktrelease ein längst etablierter Prozessschritt.
MathWorks & Speedgoat: Modellbasierte Entwicklung für Medizinprodukte
Von der EEG-Analyse bis zur Herzschrittmacher-Regelung in Echtzeit – MathWorks zeigte auf der MedtecLIVE 2026 gemeinsam mit seinem Schweizer Hardware-Partner Speedgoat, wie Matlab und Simulink den gesamten Entwicklungsprozess medizinischer Geräte abdecken: von der ersten Simulation bis zum zertifizierten Prototyp.
Drei Live-Demos am Stand
Im Mittelpunkt standen drei funktionsfähige Demonstratoren. Erstens ein zertifiziertes EEG-Analysegerät, das auf Speedgoat-Hardware läuft und Hirnsignale in Echtzeit verarbeitet. Zweitens eine Herzschrittmacher-Demo: Ein Patientenherz-Modell liefert kontinuierlich Signale, die ein Simulink-basierter Schrittmacher-Algorithmus analysiert – erkennt er eine Arrhythmie, triggert er automatisch ein Korrektivsignal. Die Echtzeit-Signalverarbeitung sowie das gesamte Regelungsmodell laufen dabei vollständig in Matlab/Simulink auf der Speedgoat-Zielplattform. Und drittens ein Deep-Learning-Demonstrator zur EKG-Klassifikation, bei dem Anwender eigene Herzrhythmusdaten einspielen und den KI-Algorithmus live testen können.
Simulation trifft zertifizierungsfähige Hardware
Dr. Visa Suomi, der mit seinem Team das erste Mal auf der MedtecLIVE ausstellte, erläuterte die Arbeitsteilung zwischen den Partnern: MathWorks liefere die Modellierungs-, Simulations- und Code-Generierungsumgebung; Speedgoat stellt die echtzeitfähige Embedded-Hardware bereit, auf der der automatisch aus Simulink generierte Code direkt lauffähig ist – ohne manuelle Portierung. Dieser Rapid-Prototyping-Ansatz verkürze laut Suomi den Weg vom validierten Modell zum Hardware-in-the-Loop-Test erheblich und unterstützt gleichzeitig die Dokumentationsanforderungen nach IEC 62304.
Sioux Technologies: Full-Stack-Entwicklung für CE-zertifizierte Medizingeräte
Vom Elektrophysiologie-Signal zum marktreifen Fetalmonitor – so lässt sich der Entwicklungsweg beschreiben, den der Erlanger Erlanger Engineering-Dienstleister Sioux Technologies gemeinsam mit Nemo Healthcare gegangen ist und der auf der MedtecLIVE 2026 als zentrales Referenzprojekt gezeigt wurde:
Das Nemo Fetal Monitoring System (NFMS) erfasst nicht-invasiv und ohne Ultraschall die Herzfrequenz des Ungeborenen während Schwangerschaft und Geburt. Dazu werden am Bauch der Mutter sechs Elektroden des sogenannten Nemo Patch aufgebracht, die simultan maternales EKG, Uterusaktivität und fetale Herzaktivität als elektrophysiologische Signale ableiten.
Embedded-Medical-System digitalisiert Herzschlag
Aus technischer Sicht digitalisiert ein rauscharmer Verstärker mit nachgeschaltetem ADC die schwachen Biosignale und überträgt sie anschließend per Bluetooth an das Nemo-Basisgerät. Der eigentliche Algorithmus zur Signaltrennung – die Extraktion der fetalen Herzfrequenz aus dem überlagerten Mutter-Kind-Signal – läuft auf der Basisstation; als Prozessor ist ein NXP ARM-basierter Multi-Core-Mikrocontroller verbaut. Das fertige System ist CE-zertifiziert und wird inzwischen auch im Heimmonitoring eingesetzt.
Sioux verantwortete das vollständige elektronische, hard- und softwareseitige wie auch mechanische Design sowie die Prototypenerstellung. Hardwareseitig nutzt das Unternehmen Standardmodule von Toradex als Computing-Kern, die um kundenspezifisches Analog-Frontend, Schnittstellen und Sensorik auf einem integrierten PCB ergänzt werden – ein Hybridansatz, der Entwicklungszeit verkürzt und die regulatorische Dokumentation vereinfacht.
Das rund 1500 Mitarbeiter zählende niederländische Unternehmen mit Standort in Erlangen beschäftigt allein 1200 Ingenieure und bietet je nach Bedarf Komplettentwicklung, modulare Unterstützung in Elektronik oder Embedded-Software sowie Interim-Engineering für Startups bis hin zu Konzernen wie Siemens Healthineers oder Philips Healthcare.
Fortec: Medizinmonitor mit Face-ID, NFC und All-in-One-Kabel
Ein 15,6-Zoll-Full-HD-Display, welches ursprünglich für einen großen Medizinkunden entwickelt wurde und nun auch am freien Markt erhältlich ist – mit diesem Highlight präsentierte sich der Display- und Systemintegrator Fortec Integrated auf der MedtecLIVE 2026. Der MED-Line 15.6 kombiniert auf rund 3,5 Zentimeter Bautiefe ein PCAP-Touchpanel mit 10-Punkt-Touch, IP65-versiegelter Glasfront und 500 cd/m² Helligkeit für den »rund um die Uhr-Klinikeinsatz.
Sicherheit ohne Handberührung
Der Monitor ist speziell auf die Zugangssicherheit im klinischen Alltag ausgelegt: Zur Authentifizierung stehen ein integrierter NFC-Reader sowie eine Kamera mit Face-ID-Funktion zur Verfügung. Im OP-Saal, wo der Arzt bereits sterile Handschuhe trägt, genügt die Gesichtserkennung zur Anmeldung – Patientendaten erscheinen automatisch, ohne Toucheingabe. Ein Näherungssensor erkennt zusätzlich, wenn keine Person mehr vor dem Gerät steht, und schaltet die Anzeige selbstständig ab. Hergestellung und Bonding des Touch-Panel-PCs erfolgen direkt bei Fortec.
congatec-Modul als Rechenplattform
Als Computing-Kern ist ein congatec COM-Express-Module verbaut – kompakt, lüfterlos mit passivem Wärmeableitkonzept und auf Langzeitverfügbarkeit ausgelegt. Alternativ lässt sich der Monitor per Single-Cable-Solution über ein USB-C-Kabel an einen externen Edge-PC anbinden, das dann gleichzeitig Video, Daten und Power überträgt – alle drei Verbindungen über ein einziges Kabel. Die höhere externe Rechenleistung ist laut Fortec etwa dann relevant, wenn KI-gestützte Bildauswertung gefragt ist: Ein möglicher Anwendungsfall ist die endoskopische Krebsfrüherkennung, bei der eine KI-Software Gewebeaufnahmen in Echtzeit klassifiziert und den Arzt auf auffällige Befunde hinweist.
Bayoosoft Themis: Single-Source-of-Truth für die MDR-Regularien
Wer als Medizingerätehersteller heute MDR- und IVDR-Konformität nachweisen muss, kämpft oft gegen dasselbe Problem: Entwicklungsabteilung, Regulatorik und Qualitätsmanagement arbeiten in getrennten Tools, koordinieren über E-Mail und pflegen dieselben Informationen redundant in mehreren Dokumenten. Genau diesen Silo-Ansatz löst Bayoosoft Themis ab – eine validierte SaaS-Plattform, die der Compliance-Softwarespezialist auf der MedtecLIVE 2026 als zentrales Messethema präsentierte.
Vernetzte Informationen statt Dokumentenstapel
Themis bildet die gesamte regulatorische Prozesskette in einer Plattform ab: technische Dokumentation nach MDR/IVDR, Risikomanagement nach ISO 14971, Requirements Engineering, Usability Engineering nach IEC 62366, eQMS nach ISO 13485 sowie ISMS nach ISO 27001. Das Kernprinzip ist das Single-Source-of-Truth-Modell: Informationen werden nicht als Dokumente, sondern als vernetzte Tasks abgelegt und miteinander verknüpft. »Ändert sich eine regulatorische Anforderung, sind alle betroffenen Dokumente und Prozesse automatisch verlinkt und der zuständige Mitarbeiter erhält einen direkten Handlungshinweis«, erklärt Ralf Schall von Bayoosoft. Per Knopfdruck lasse sich so die vollständige technische Dokumentation für die Benannte Stelle exportieren.
Eine weitere Funktion adressiert die Zuliefererkette: Externe Prüflabore – etwa für EMV-Tests – lassen sich direkt über die Plattform task-basiert einbinden. Das Labor erhält eine automatische Benachrichtigung, stellt den Prüfbericht direkt in Themis bereit, ohne E-Mail-Verkehr oder manuelle Übergaben. Als SaaS-Lösung übernimmt Bayoosoft dabei die Software-Validierung für den Medizingerätehersteller vollständig – der IT-Aufwand beim Anwenderunternehmen ist laut Schall minimal. Die Infrastruktur ist nach ISO 27001 und TÜV-SÜD zertifiziert.
Bertrandt: Edge-AI-Applikation als Blaupause für KI in der Medizintechnik
Ursprünglich aus der Automobilindustrie stammend, überträgt der Entwicklungsdienstleister Bertrandt sein Embedded-Know-how seit einigen Jahren auf die Medizintechnik – mit einer eigenen Medical-Sparte von Elektronik- und Softwareentwicklung über Simulation und Testing bis zur regulatorischen MDR-Begleitung. Auf der MedtecLIVE 2026 stand dabei eine funktionsfähige Edge-AI-Demo im Mittelpunkt: Ein IoT-fähiges Kamera-Modul erfasst einen kritischen Prozess direkt am Point of Care, analysiert die Bilddaten lokal per Deep Learning auf dem Edge-Device und meldet Abweichungen in Echtzeit – die klinische Entscheidung fällt am Ort des Geschehens, nicht nachgelagert in der Cloud.
Edge-First mit optionaler Backend-Anbindung
Die Architektur setzt auf Computer Vision und lokale KI-Inferenz, Datenschutz-by-Design durch ausschließlich lokale Verarbeitung klinischer Daten sowie Schnittstellenfähigkeit zu bestehenden Krankenhausinformations- und Dokumentationssystemen. Technologieneutral und skalierbar ist die Lösung auf verschiedene medizintechnische Anwendungsfelder übertragbar – von der bildgestützten Qualitätssicherung in der Fertigung bis zur Prozessüberwachung im OP.
Safety und Security als Entwicklungsprinzip
Requirements Engineering, Softwarearchitektur nach IEC 62304 sowie funktionale Sicherheit nach ISO 26262 und Cybersecurity by Design nach ISO/SAE 21434 sind bei Bertrandt keine nachträglichen Compliance-Maßnahmen, sondern werden von Tag eins in die Systemarchitektur eingebettet – eine Anforderung, die Benannte Stellen bei KI-basierten Medizinprodukten zunehmend explizit einfordern.
Mehr Bedarf an Medizinelektronik? Der Newsletter der Elektronik Medical informiert alle zwei Wochen über die neuesten Trends und Technologien für die Medizingeräte-Entwicklung.